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Das größte Fest der Welt

Kumbh Mela / Indien 2019

Vom ruhigen Salzburg auf das größte Fest der Welt. Ein Erfahrungsbericht.

Das Kumbh Mela im indischen Prayagraj, ehemaligem Allahabad, ist ein begehrtes Reiseziel für Hinduisten. Für Nicht-Hinduisten bedeutet es aber das Eintauchen in eine komplett andere Welt. In eine des tiefen Glaubens. In der Spiritualität und Meditation zum Leben gehören. In eine Welt der vielfältigen Farben, Gerüche – und in der Arm und Reich schmerzlich auseinandertriften. Die Hoffnung auf ein besseres Leben nach diesem Leben, das hält viele in Indien aufrecht, die kaum das Notwendigste haben. Dieser starke Glaube ist es auch, der Millionen zum größten Fest der Geschichte nach Prayagraj führte: zum hinduistische Glaubensfest „Kumbh Mela“, das von der UNESCO als „immaterielles Kulturerbe der Menschheit“ ausgezeichnet wurde.

Wir machten uns also auf die Reise: der Salzburger Fotografen und leidenschaftliche Globetrotter, Joachim Bergauer, der die ganze Welt als "seine Heimat" sieht und ich, Iris Schweinöster, die Augen und Ohren offen hält für Neues.

Als sich um fünf Uhr morgens die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg durch die von Staub
und Abgase geschwängerte Luft bahnten, sind alle schon auf den Beinen. Auch wir, die sich in einem riesigen Menschenstrom von Attraktion zu Attraktion treiben liesen. Lautstark ertönte indische Musik aus vielen Lautsprechern und den Zelten von von religiösen Sadhus und Gurus. In den Lärm mischte sich das Hupen der Tuktuks, die sich vorbei an Gemüsehändlern, Meditierenden und Schwatzenden schlängelten. 

Massen von Festgästen, soweit das Auge reicht. In Saris und Decken gehüllte Hindus schlürften ihren so beliebten Milchkaffee. Am riesigen Festgelände wurden heilige Requisiten, wie Farben, Kerzen, Krügen, bis hin zu Gemüse und Dinge für den täglichen Bedarf, verkauft.

Alle paar Meter stieg einem ein neuer Geruch in die Nase. Zusammen ergab dies ein Gemisch aus feinen indischen Düften und würzigem Essen sowie aus dem Gestank von Abgasen und Abfall.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Ursprung

„Kumbh Mela“ bedeutet soviel wie „Das Fest des Kruges“. Der Legende nach entstand
es aus einem Pakt zwischen den Göttern und den Dämonen. Gemeinsam wollten sie den Nektar der Unsterblichkeit schöpfen. 

 

 

 

 

 

Dieses Jahr dauerte das hinduistische Kumbh Mela in Prayagraj, dem ehemaligen Allahabad, von 15. Januar bis 4. März. Die Stadt Allahabad wurde noch zuvor in ihren ursprünglichen Namen „Prayagraj“ umbenannt. „Prayag“ bedeutet so viel wie „Ort der Opfergabe“ und „Raj“ ist ein Herrschertitel, der die Wichtigkeit unterstreichen soll. Bis 4. März reisten um die 120 Millionen, also fast das Doppelte der Bevölkerung Großbritanniens oder Frankreichs, nach Prayagraj im indischen Bundesstaat Uttar Pardesh zum Kumbh Mela. Ein Rekordansturm, der auch mit den bevorstehenden Parlamentswahlen im Mai in Zusammenhang stand. Denn eigentlich gehörte das Kumbh Mela 2019 zu einem der kleineren Feste. Die „BJP“, die hindunationalistische Partei, hat das Fest im Vorfeld jedoch stark beworben, und Wahlplakate wurden überall in Prayagraj angebracht. Es ist die womöglich eine Strategie, um Wähler zu gewinnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Indiens heilige "Riesen-Kloake"

Einer der wichtigsten Tage des Festes war angebrochen: der Haupt-Badetag. Denn durch das Bad im Ganges am Zusammenfluss der Flüsse Ganga, Yamuna und Saraswati, werden die Hindus symbolisch von ihren Sünden reingewaschen. 

An diesen besonderen Tagen, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang andauern, waren Verkehrsmittel aller Art verboten. Das wäre auf Grund der vielen Menschen zu gefährlich gewesen. Jetzt hieß es „gehen“. Auch für uns. Kilometerlange Märsche nahmen die Besucher in Kauf, um diesen heiligen Fluss zu erreichen. So auch wir Besucher aus dem Westen, die sich bei aller Strapaze doch schon auf das bevorstehende Ziel freuten. Sahen wir doch, mit welcher Freude und Euphorie die Menschen zum Wasser zuströmten. Wie diese Gläubigen aller Altersgruppen und sozialen Schichten strahlten! Das musste natürlich wieder mit einem Selfie festgehalten werden. Nichts wurde bei diesem Fest dem Zufall überlassen. So sind die insgesamt sechs Haupt-Badetage nach astrologischen Berechnungen des Hindu- Kalenders angeordnet. Das Datum des Festes richtet sich nach der Stellung von Jupiter, Mond und Sonne. Um das Gesundheitsrisiko so gering als möglich zu halten, hatte die indische Regierung zwar rund 35 Millionen Euro in Vorkehrungen investiert, die Abwasserkanäle in den Ganges und den Yamuna blockieren und klären sollten. Auch wurden mehr als 122 000 mobile Toiletten installiert, 20 000 Mülltonnen aufgestellt und etwa 20 000 sanitäre Mitarbeiter mobilisiert. 

Trotz alldem war die vielversprechende Reinigung im Ganges eine schmutzige Angelegenheit. Was für die Hindus als heiliges, reinigendes Wasser gilt, also ein Risikoherd für Mensch, Tier und Umwelt. Abwasser von Haushalten, giftige Chemikalien aus Fabriken, Abfall und Bauschutt, alles fließt hinein in den Ganges, der als saubere Gletschertropfen im westlichen Himalaja entspringt. Für die Hindus gilt Mutter Ganga, wie sie den Fluss liebevoll bezeichnen, trotz allem als heiliger, reinigender Fluss. Sie baden darin, um sich von ihren Sünden reinzuwachsen, verstreuen die Asche ihrer Verstorbenen und trinken sogar daraus. 

Aus Angst vor gesundheitlichen Risiken, nahmen wir an diesem großen Fest kein Vollbad im Ganges. Wir benetzten nur unsere Hände und Füße damit, was ja schließlich auch als Bad zählen kann. 

Beinahe entspannend war dagegen die Boots- fahrt hin zur heiligen Badestelle, entfernt vom Festland, wo das Leben geradzu vibriert. Mit Muskelkraft ruderten die Bootsmänner die Besucher über den Fluss. Für sie war das Fest das Geschäft ihres Lebens. Begleitet wurden sie von unzähligen, über den Köpfen fliegenden Vögeln. Dabei erhielt die Sicherheit einen hohen Stellenwert, denn jeder Besucher musste eine Rettungsweste tragen, so auch wir. Pilgerboote brachten die, die es sich leisten konnten, zum heiligen Zusammenfluss, um ein Bad zu nehmen.

Durch den Zusammenfluss des kalten Ganges und des wärmeren Yamunas versinken Teile von Prayagraj im Nebel.

Neben dem Bad im Ganges nahmen die Besucher an verschiedenen Vorträgen von Sadhus und Gurus teil. Die Sadhus werden als Indiens heilige Männer bezeichnet, die ihr weltliches Leben aufgeben und ein Leben im Zölibat führen, vergleichbar mit Mönchen. Losgelöst von allen Bindungen - materiell, familiär, sexuell - führen sie im Streben nach Befreiung ein einfaches Leben im Tempeln oder in Höhlen.

Auffallend ist die in Safran-Tönen gehaltene Kleidung. Die Farbe Safran steht im Hinduismus für die „Flamme des Wissens und das Feuer der Gegenwart“, die alle Anhaftung an das Leben verbrennt. Sie zielt auf die „Dritte Auge Meditation“ auf der Stirn ab. Durch diese Art der Meditation kann man sich, so der Hinduismus, von seiner Vergangenheit und allem Materiellen lösen und sich von Zukunftsängsten befreien. Wie die Flüsse beim Kumbh Mela zusammenfließen, so fließen auch linke und rechte Gehirnströme zusammen. Sie sollen das innere Licht erwecken.

Während Sadhus meist in Safran-Tönen gehüllten Gewändern erscheinen, trägt die Untergruppe der Naga Sadhus keine Kleidung. Sie beschmieren ihren Körper mit Asche, zum Teil aus verbrannten menschlichen Körpern, tragen verfilztes Haar und leben abgeschottet von der restlichen Gesellschaft in Höhlen. Alle paar Jahre treten sie zum Kubh Mela zum Vorschein.

Beide nehmen in der indischen Gesellschaft einen hohen Stellenwert ein und werden hoch verehrt. Da sie weder über Einkommen noch Besitz verfügen, leben sie in völliger Armut und sind auf Spenden angewiesen. Lästige Bettler, wie man sie oft kennt, sind uns jedoch unter ihnen nicht begegnet. Genügsam und gut gelaunt saßen sie in ihren Zelten und liesen sich bestaunen. Wer möchte, konnte sich auch gerne zu ihnen gesellen. Wenn sie ein paar Rupies dafür bekamen, freuten sie sich. War man wie wir mit der Kamera unterwegs, fand man unter den Sadhus tolle Motive. Ihre Herkunft ist übrigens unterschiedlich. So gibt
es welche, die in in materiellem Besitz war und immer schon am Rande der Gesellschaft lebte. Andere wiederum sind gut situiert, haben sogar studiert und sich dann für ein Leben in Spiritualität und Abstinenz entschieden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Transgender kämpfen um mehr Akzeptanz

Nach Tagen am Fest und stundenlagen Märschen dachten wir bereits, wohl alles gesehen zu haben. Doch was wir dann erblickten, übertraf unsere Erwartungen. Im Lichtermeer Prayagrajs lebten in wundervolle Saris gehüllte, stolze Transgender ihre Freiheit aus. Denn zum ersten Mal durften auch Mitglieder der geschätzten zwei Millionen umfassenden Transgender-Gemeinschaft in Indien einen Platz am Kumbh Mela einnehmen. Für die „Kinners“, wie sie in Indien genannt werden, geht es darum, Akzeptanz in der Gesellschaft zu erlangen. Denn obwohl Eunuchen, Androgyne und Transgender ein fester Bestandteil der alten hinduistischen Gesellschaft waren und sogar in den heiligen Vedas-Schriften Erwähnung fanden, werden sie im modernen Indien häufig an den Rand der Gesellschaft gedrängt, schon als Kinder oftmals aus dem Elternhaus vertrieben oder im Sexhandel verkauft. Im Laufe der Jahrhunderte nahmen die Transgender unterschiedlichste Rollen in der Gesellschaft ein, zum Beispiel die der königlichen Kurtisanen. Der Kampf um eine Entdiskriminierung ist lang. Der oberste Gerichtshof hat sie 2014 als drittes Geschlecht anerkannt. Mit Verehrung begegneten die Pilger den Transgendern am Kumbh Mela.

Ganga Aarti

 

Es ist eines der spirituellsten und traditionellsten Erlebnisse in Indien, das Ganga Aarti. Wie auch in unterschiedlichsten Städten des Landes, fand es am Kumbh Mela täglich bei Einbruch der Dämmerung statt. Diese Zeremonie gilt als Huldigung der Flussgöttin Ganga. Mit dem Fluss im Hintergrund entzünden Priester im Uhrzeiger- sinn die Lampen, begleitet von Liedern, die Ganga ehren. Es ist dies ein wahres Lichter-Spektakel. Die Lampen, so denken die Hindus, erlangen die Kraft der Gottheit. Das Wort „Aarti“ leitet sich von „Sanskrit Aaratrik“ ab, was so- viel wie Anbetung bedeutet. Bei der Ganga Aarti werden die fünf Elemente Luft, Feuer, Wasser, Erde und Äther, auch als Energie zu verstehen, symbolisiert, die die Welt zusammenhalten. Am Ende der Zeremonie legen die Gläubiger ihre Hände über die Flammen und anschließend auf ihre Stirn, um Gottes Segen zu erhalten.

 

Das Kumbh Mela ist eine Erfahrung, die man als Liebhaber des Spirituellen und als Fotograf machen sollte. Es ist dies ein Eintauchen in das Mysteriums des Seins. Man lässt sich erheben von der Energie der Sadhus und Gurus. Man verschmilzt mit der Masse von Menschen wie die Wellen im Ozean.

Westliche Menschen, wie wir es sind, können nur staunen über diese große Gläubigkeit der Inder. Etwa 120 Millionen Menschen nahmen den weiten Weg für ein Bad im heiligen Fluss Ganges auf sich. – Mit der Hoffnung, sich vom Teufelskreis der Wiedergeburten zu befreien.

Der Arzt der Götter überbrachte den kostbaren Trank in einem „Kumbh“ - einem Krug.

Die Dämonen jedoch wollten den Nektar für sich beanspruchen. Es kam zu einem Gefecht um den Nektar, das 12 göttliche Nächte, oder auch 12 menschliche Jahre, andauerte. Während des Streits fielen vier Tropfen aus dem Krug auf vier Orte in Indien. Diese Orte, nämlich Prayagraj (Allahabad), Hadiwar, Ujjain und Nashik, gelten für die Hindus deshalb als heilig. Es sind jene, an denen das Kumbh Mela veranstaltet wird, solange man sich zurückerinnern kann.

Das Kumbh Mela soll auch an die Dauer des Kampfes erinnern, darum wird das größte, das Purna (komplett) Kumbh Mela alle zwölf Jahre gefeiert wird. In der Zwischenzeit werden im Abstand von drei Jahren kleinere Ausgaben abgehalten.

Das Kumbh Mela ist eine Erfahrung, die man als Liebhaber des Spirituellen und als Fotograf machen sollte. Es ist dies ein Eintauchen in das Mysteriums des Seins. Man lässt sich erheben von der Energie der Sadhus und Gurus. Man verschmilzt mit der Masse von Menschen wie die Wellen im Ozean.