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Urtümliches Indien
Geheimtipp: Der Norden von Gujarat

Gujarat ist der westlichste Bundesstaat Indiens und das Reiseziel für jene, die fernab vom Massentourismus das ursprüngliche Indien erleben wollen. Es ist ein Land, in dem man als Tourist noch als exotisch gilt und sich die Menschen noch gerne fotografieren lassen. Und sie bitten auch häufig um ein Selfie mit den Reisenden. Es ist die Würde dieser Menschen, die mich als Fotografen und Weltreisenden so faszinierte. Viele sind – für unsere Begriffe – bettelarm und doch voller Anmut und Freude. Es ist besonders ihr Glaube, der sie hoffen, kämpfen und lächeln lässt. Mit der Kamera durfte ich eintauchen in diese Welt der großen Unterschiede; in diese faszinierende Natur; in das harte Leben der Bauern und das Kunsthandwerk von wahren Könnern; in das Meer von Fahrzeugen auf den Straßen. In denen schauten mir müde Gesichter nach der Arbeit auf überladenen Auto entgegen. Ich durfte Blicke hinein in ihre kargen Wohnungen werfen. Sie winkten mir zu aus unvorstellbar schlichten Gemeinschafts-Wasserstellen. Und sie boten mit fröhlichen Gesichtern ihre Waren in bunten Märkten an. Das alles, was sich auf dieser Reise durch den Norden von Gujarat erlebte, kann man kaum in Worte fassen. Wohl aber mit Bildern ausdrücken.

Der indische Bundesstaat Gujarat zählt etwa 60 Millionen Einwohnern. In Gujarat gibt es Bal- lungszentren, die von jedem seiner Bewohner höchste soziale Kompetenz abverlangen. Und das Geschick, mit Extremsituationen umzugehen, wie man auf der Straßenszene sieht. Ver- kehrsregeln scheinen hier nicht zu gelten. Alles bewegt sich gleichzeitig und das in alle Rich- tungen: Autos, Motorräder, Tuktuks. Bis in die Nacht hinein herrscht hier ein unvorstellbares Chaos. Verkehrsregeln und Ampeln scheinen die Menschen nicht zu kümmern. Jeder schlägt sich irgendwie durch in diesem Leben. Seltener als befürchtet, passieren dabei schlimme Unfälle. Denn jeder passt auf sich auf, und irgendwie scheint es zu funktionierten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Straßenbild prägen auch die Kühe, die in Indien als heilig verehrt werden. Gott ist für die Hindus zwar in allem und jeden, aber in der Kuh ganz besonders. Versorgt sie doch die Menschen mit Überlebensnotwendigem, mit Milch und Butterschmalz zum Kochen, mit Mist als Dünger und Brennmaterial, mit Urin als Heilmittel.

Kaum ein Augenblick vergeht, da wartet schon das nächste Erlebnis um die Ecke – ein Treffpunkt der speziellen Art: die Wäscherei im Freien. Das erinnert an die früheren Wasch- rumpeln unserer Vorfahren, schließlich wird in Indien noch vieles mit der Hand gewaschen. Und das gleich in umtriebiger Gemeinsamkeit: Frauen, manchmal auch Männer, sind in einem kleinen Gässchen versammelt und waschen hier ihre Kleidung und Küchenutensilien. Oder sie füllen ihre Krüge mit Trinkwasser. Man hat

den Eindruck, es macht ihnen Spaß. Fröhlich blicken sie mir entgegen. Es ist für diese Frau- en Arbeit und sozialer Treffpunkt gleichermaßen. Manchmal veranstalten sie Wettbewerbe, wer die meisten Kleidungsstücke pro Tag reinigen kann. Es scheint für den Außenstehenden, als würden sie das Beste aus der Situation machen. Und das Schöne ist: Die Menschen sind offen und freundlich. Sie winken und begrüßen mich, als wäre ich einer von Ihnen.

Der Barber als Psychater

 

Die Frauen hört man in der Freiluft-Wäscherei tratschen, die Männer hingegen lieben die Barber-Shops, die in Indien einen besonderen Stellenwert genießen. Hier lässt der Herr sich nicht nur rasieren und das Haar schneiden sondern schätzt auch den sozialen Aspekt. Dem kann man mitunter auch sein Herz ausschütten – und spart sich so einen Psychotherapeuten. Denn könnte sich der Durchschnittsinder ohnedies nicht leisten. Barber-Shops ziehen auch arbeitslose Jugendliche an, die gerne zuhören, wenn die „Alten“ erzählen und nicht zuhause vereinsamen. Jeder profitiert also von diesem Treffpunkt. Mich als Kameramann faszinierte das ganze Szenario in diesem Shop – der professionelle Barber mit seiner ruhigen Art und seine Klientel.

Baumwollanbau in Indien

 

Erfüllt von den Eindrücken in Rajkot verlasse ich die Stadt nach Nordwesten. Mein Weg führt mich in das etwa 1h 15min entferne kleine Dorf „Lakhchokiya“. Von Touristen fehlt nun jede Spur. Ich aber darf ein wunderbares Natur- schauspiel erleben: In einem Feld voll watte- bauschigen, samtig-weichen Blüten ist eine Frau, die sie behutsam von den Ästen trennt. Es ist die Grundlage für die Baumwolle, die

besonders in Indien in großer Fülle produziert wird. Sie ist mit Abstand das beliebteste Textil in diesem Land. Für uns ist so ein Kleidungsstück wohl superbillig. Die Arbeiterinnen und Arbeiter aber, die zahlen mitunter einen hohen Preis für ihre Tätigkeit: Ihre Gesundheit leidet am Einsatz von Pestiziden bei Farmen. Glücklicherweise steigt die Nachfrage nach Bio-Baumwolle, die ohne Einsatz von Pestiziden angebaut wird.

Die Landwirtschaft als Lebensgrundlage

 

Etwa zwei Drittel der Bevölkerung Gujarats lebt von der Landwirtschaft. Auf großen Flächen werden Getreide, Zuckerrohr, Baumwolle, Tabak und Erdnüsse angebaut.

Indien war in den letzten 30 Jahren auch durch den Anbau der wichtigsten Getreidearten Reis

und Weizen autark und konnte die wachsende Bevölkerung ernähren. Doch der globale Klimawandel bringt Gefahren mit sich. Um den Anbau zu gewährleisten, muss die Regenmenge ausreichend sein.

Das Land der Handwerkskunst

 

Einnahmequelle für viele und ein wahres Spektakel für Touristen ist die traditionelle Handwerkskunst. Vor allem die Töpferei spielt eine wichtige Rolle. Ausgrabungen zeigen, dass es bereits vor 10 000 Jahren Kunst und ausgefeilte Handwerkstechniken gab. Mythen besagen, Gott Brahma selbst, für die hinduistischen Inder der Schöpfer des Universums, habe die Menschen aus Lehm geformt und ihnen Leben ein- gehaucht. Auch heute noch wird alles getöpfert - von Trinkgefäßen, Vasen bis hin zu religiösen Gegenständen.

Der Stellenwert der Töpferei wird zum Beispiel bei den Kulturstätten der Adivasi, der Ureinwohner, deutlich. Aus Ton geformte Pferde-Statuen sind, ausgerichtet auf den heiligen Baum, im Norden von Gujarat zu bestaunen. Die tönerne Herde wurde dem Hügelgott als Opfergabe errichtet. Solche Opfergaben sollen wohl auch heute noch Wünsche erfüllen.

Vereinzelt findet man sogar Handweber im Land. Das indische Handweben ist bemüht für ihren Facettenreichtum und die Qualität. Indische Handwebearbeiten sind
aus der Kultur, bei Festen und Feiern nicht wegzudenken. Die Weber bedienen sich lokalen Mythen, Symbolen und Geschichten die sie in ihr Werk einweben. Dadurch gewinnt jedes Stück eine einzigartige individuelle Bedeutung, wodurch sich auch Aussagen über die Region und Identität treffen lassen.

Die großen Unterschiede

 

Beim Lebensstandard der Inder finden sich große Unterschiede, denn das Kastensystem zählt zu den Hauptmerkmalen der indischen Kultur und ist bis heute spürbar. Es bestimmt den Alltag vieler Inder. Das Kastensystem gliedert die Gesellschaft hierarchisch und weist den Menschen bestimmte Rech-

te und Pflichten zu. Ein sozialer Aufstieg scheint schier unmöglich. Laut hinduistischer Mythologie sind die vier Haupt-Kasten (Varna) aus dem Ur-Menschen „Purusha“ entstanden: Die Brahmanen (Priester) aus dem Mund, die Kshatriya (Krieger) aus der Schulter, die Vaishya (Händler) aus einem Schenkel und die Shudra (Bediensteten) aus der Fußsohle.

Die Aufgabe der Kshatriya, früherer Krieger, Fürsten und Könige, war es, die Bevölkerung zu beschützen. Auch Buddha gehörte dieser Kaste an. Sie genossen politische Macht. Heute noch verfügen sie über Landbesitz und über einen deutlich höheren Lebensstandard als untere Kasten. In der niedrigerer Kasten hausen oftmals in winzigen Räumen, versuchen aber dennoch, ihre Wohnung so schön wie möglich zu gestalten. So sieht der Alltag bei Indern aus. Es wird gekocht und geredet.

In Indien lebende Christen sind vom Kastensystem ausgeschlossen

Die Bilder entstanden in einer katholischen Privatschule in der indischen Stadt Mehsana beim Singen. Christen machen in Indien nur etwa 2,3% der Bevölkerung aus. Christliche Schulen gehören zu den besten des Landes. Viele Hindus nehmen die in Indien lebenden Christen auf Grund der Elitebildung und dadurch, dass sie sich auch außerhalb des Kastensystems befinden als Bedrohung war.

Das weiße Gold

Auf der Reise durch Gujarat führt kein Weg an Kutch und den versteckten Helden vorbei. Faszinierend und bedenklich zugleich ist Kutch, ein eigener Verwaltungsbezirk, der sich über ein Viertel der Gesamtfläche von Gujarat erstreckt. Zwei Salzsümpfe, nämlich der kleine und der große „Rann von Kutch“, trennen Kutch vom Rest des Landes. Die Sümpfe sind Naturschau- spiel und Lebensgrundlage vieler Menschen zugleich. Rund 100 000 „Agariya“, wie die Salzarbeiter bezeichnet werden, arbeiten unter extremsten Bedingungen, um mit dem Salz, dem „weißen Gold“, ihr Leben zu finanzieren. Zu den Arbeitern zählen überwiegend „Dalits“, also Kastenlose, Unberührbare und Ureinwohner - also die unterste Schicht der Bevölkerung. Sie sind der Grund, weshalb Indien jährlich etwa 16 Millionen Tonnen Salz produziert, was das Land wirtschaftlich stärkt. Der Arbeitsalltag der Salzarbeiter ist geprägt von Hitze und harter körperlicher Anstrengung. Mit Solaranlagen wird versucht, die Arbeitsqualität der Salzarbeiter zu verbessern.

 

Auf Immer und Ewig

In der Millionenstadt Rajkot, durfte ich einer indischen Hochzeit beiwohnen. Wer zwischen Dezember und Februar das Land besucht, der kann mit etwas Glück eine indische Hochzeit erleben. Denn das sind die Monate, an denen am meisten geheiratet wird. In Zelten, Gärten, Festhallen spielen sich die prunkvollen Feiern ab. Je höher die Kaste, desto opulenter sind die Trauungen, bei denen schon einmal bis zu 1000 Hochzeitsgäste geladen werden. Traditionell trägt die Braut einen roten Saree, entweder neu oder weitervererbt von der Mutter, reich be- stickt mit schwerem Schmuck. Rot, so heißt es, ist die Farbe des Glücks. Alternativ kann auch ein sogenannter „Lengha“ getragen werden, eine Kombination aus Rock, Bluse und Schal. - Natürlich auch in Rottönen ge- halten. Armreifen und goldener Hochzeits- schmuck ergänzen das Hochzeits-Outfit. Außerdem dürfen die kunstvollen Elemente der Body-Art „Mehndi“ bei der Hochzeit nicht fehlen. Was bei uns unter der Bezeichnung „Henna-Tattoo“ bekannt ist, entspringt in Indien einer langen Tradition. In Handarbeit verzieren „Mehndi“-Künster die Hände der Braut und der weiblichen Familienmitglieder mit feinen Symbolen wie einem Pfau oder einem Elefanten, die vor allem eines bringen sollen: Glück. Außerdem sollen Frauen zum Beispiel nach der Hochzeit keine Haus- arbeit verrichten müssen, bis das „Mehndi“ verblasst ist. Es heißt auch: „Je dunkler die Farbe, desto leidenschaftlicher die Ehe.“ Wie ernst dieses Sprichwort genommen wird, sei dahingestellt. Was den Indern wichtig ist, ist vor allem die Tradition.

Die Ehen in Indien sind zu einem großen Teil nach dem Motto „Zuerst die Hochzeit, dann die Liebe“ immer noch von den Eltern arrangiert. Allerdings gibt es auch liberale Familien, bei denen die Töchter und Söhne selbst wählen können, wen sie heiraten wollen.